Zum Hauptinhalt springen

Auf den Spuren der Familie Wertheim-Stolzberg in Münster

Vom 4. bis 7. Oktober waren mehr als 20 Nachfahren der Familie Wertheim-Stolzberg in Münster, um die Orte zu besuchen, an denen sich Erinnerung verbindet mit Else Wertheim geb. Stolzberg und ihrem Ehemann Albert Wertheim sowie ihren beiden Kindern Hans und Lore, und um für sie Stolpersteine zu setzen.

Else Wertheim starb bereits 1937 mit 46 Jahren; Hans Wertheim, geb. 1921, konnte als 17jähriger in die USA entkommen, Lore, geb. 1925, und ihr Vater durchlebten Jahre der Unsicherheit, des Versteckens, aber auch der Deportation und des Überlebens in einem KZ, bevor auch sie in den USA Zuflucht fanden.

Anwesend waren alle Söhne und Töchter von Hans und Lore, meist auch mit ihren Ehepartner:innen, und bis auf eine, die aus beruflichen Gründen nicht teilnehmen konnte, auch alle Enkel und Enkelinnen. Organisiert hatte die Reise Peter Schilling, Vorsitzender des Vereins „Spuren suchen e.V.“ und Koordinator der Verlegung von Stolpersteinen in der Stadt Münster, zusammen mit Peter Cole, einem Sohn von Hans Wertheim.

Am Montag, dem 5. Oktober, wurde die Gruppe im Rathaus empfangen und besuchte auch die Jüdische Gemeinde. Nachmittags fand die Verlegung der Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie, Goebenstr. 13, statt. Für jede und jeden der Vier (das Ehepaar Else und Albert Wertheim sowie Hans und Lore, ihre Kinder) stelle jemand aus dem Kreis der Nachfahren die Lebensgeschichte vor, ein bewegender Moment. „Wenn unsere Enkelkinder einmal alt genug sind, selbst nach Münster zu kommen, werden sie den Ort finden, an dem ihrer Familie gedacht wird“, äußerte eine von ihnen.

Sehr dankbar war die Gruppe dafür, dass die jetzigen Besitzer sie eingeladen hatten, das Haus zu besichtigen, das im Krieg unzerstört geblieben war. Ein Besuch in der Villa ten Hompel rundete diesen Tag ab. Gisela Möllenhoff, die Jahrzehnte ihres Lebens der Erforschung und Rekonstruktion des Lebenswerges jüdischer Familien in Münster gewidmet hat, begleitete die Gruppe und stand mit ihrem reichhaltigen Wissen für alle Nachfragen zur Verfügung.

Am Dienstag, dem 6. Oktober, traf sich die Gruppe mit Prof. Dr. Marie-Theres Wacker vor dem Gebäude der Marks-Haindorfschen Stiftung am Kanonengraben, dem Gebäude, in dem Hans und Lore die Grundschule besucht hatten. Die Jüdische Gemeinde hatte dankenswerter Weise den Zutritt zum Haus ermöglicht, in dem sich heute Privatwohnungen befinden. Frau Wacker erläuterte kurz die Geschichte des Gebäudes und der Vision, die den jüdischen Arzt und Universalgelehrten Alexander Haindorf vor 200 Jahren dazu geführt hatte, eine Schule und ein Lehrerseminar in Münster zu begründen. Auf der zum Hof führenden Treppe nahmen die Nachfahren von Hans Wertheim für ein Gruppenfoto Aufstellung. Danach ging es in die Innenstadt zum Rathaus-Innenhof, wo die Anfänge der jüdischen Gemeinde im Mittelalter zu erinnern sind. Auf dem Prinzipalmarkt konnte die Gruppe vor dem Kaufhaus Petzold ein Foto aus dem Jahr 1933 vergleichen, auf dem dieses Kaufhaus den Namen der jüdischen Familie Hertz trägt. Hier hatte Hans Wertheim kurze Zeit Arbeit gefunden, nachdem er als jüdischer Schüler aus dem Gymnasium ausgeschlossen worden war. An der Lambertikirche erfuhr die Familie von der unheilvollen Geschichte jüdisch-christlicher Beziehungen, aber auch von der Neuorientierung ab den 1960er Jahren. Am Ort des jetzigen Primark schließlich ging es um die Familie Feibes, für deren Mitglied Hedwig Feibes vor dem Kaufhaus ein Stolperstein liegt, und um den Bericht des Rabbiners Dr. Steinthal über die Reichspogromnacht in Münster.

Am Nachmittag besuchte die Gruppe den Jüdischen Friedhof und stand vor den insgesamt sieben Gräbern von Else Wertheim und ihren Bruder Siegfried; dann Jakob und Sartine Stolzberg, den Eltern von Else; Simon Stolzberg, einem Bruder von Jakob; und Philipp und Caroline Stolzberg, den Eltern von Jakob. Der Grabstein von Else Wertheim, der vor kurzem umgestürzt war, soll in nächster Zeit wieder neu befestigt und aufgerichtet werden.
 

Die Gräber der Familien Wertheim und Stolzberg auf dem Jüdischen Friedhof Münster:

Else Wertheim, geb. Stolzberg (14.1.1891–01.05.1937)

Siegfried Stolzberg (15.04.1876–28.02.1937), Bruder von Else

Jakob Stolzberg (25.1.1835–21.11.1921), Vater von Else

Sartine Stolzberg (30.01.1849–21.05.1913), Mutter von Else

Simon Stolzberg (04.04.1833 – 06.10.1906), Bruder von Jakob

Caroline Stolzberg (01.1805–02.1881), Mutter von Jakob Stolzberg

Philipp Stolzberg (12.1787–25.01.1877), Vater von Jakob Stolzberg

Amalie Stolzberg, seine Ehefrau, verstarb am 30.06.1941 in Münster. Von ihrem Grab ist keine Spur erhalten. Vermutlich konnte niemand mehr einen Grabstein setzen.  

Zurück
Familie Wertheim auf dem jüdischen Friedhof